Jahresbericht 2002

Liebe Spenderinnen, liebe Spender

Nach einer langen Reise – 27 Stunden war ich unterwegs – kam ich müde, aber erwartungsvoll in Recife an. Am Zoll war ich überglücklich, einfach so durchzugehen, hatte ich doch 96 kg Reisegepäck bei mir, unter anderem 700 Zahnbürsten, 110 T-Shirts und viel Material für die Schule. Von euren Spenden ganz zu schweigen.

Die ersten Wochen ruhte ich mich in Porto de Galinha aus. Zeitweise wohnten im Hause von Rubenita bis zu 16 Menschen. Überall Hängematten, Matratzen am Boden oder einfach nur ein Schlafsack. Dies zur Herzlichkeit und Gastfreundschaft der brasilianischen Bevölkerung. Alle rücken zusammen; da gibt es Platz für alle.

Noch sind keine Computerspiele im Hause. Die Kinder spielen stundenlang Domino, es wird diskutiert, gesungen, zusammen gekocht, und schon die kleine 4 jährige Isabelle nimmt den Besen zur Hand und reinigt den Boden.

Nach dem kurzen aber schönen Urlaub in Porto de Galinha begann eine arbeitsreiche, schwierige aber auch befriedigende Zeit: die Arbeit im Projekt, der Escola uniao communitaria in Recife.

In Recife hat sich wenig verändert, nur dass die Polizei präsenter war. Nach wie vor betteln die armen Menschen nach Speiseresten. Immer noch leben 70% der Menschen in Armut.

Wohnen und schlafen durfte ich in der kleinen Wohnung der Lehrerin Betania und ihrem Mann. Mein Bett stand im Korridor, und die Dusche war gefangen, so dass ich jeweils, um auf die Toilette zu gehen, das Schlafzimmer meiner Gastgeber durchqueren musste. Die Tochter hat diese ganze Zeit im Wohnraum auf dem Sofa geschlafen. Eines morgens regnete es in Strömen, plötzlich krachte es, und weg war ein Stück Eternit des Daches. Es regnete direkt ins Schlafzimmer meiner Gastgeber. Das Dach musste sofort geflickt werden, weshalb wir an diesem Tag zu spät in die Schule kamen. Die Autofahrt zur Schule dauert zwanzig Minuten, weil die Wege steinig und mühsam zu befahren sind.

Schon Mitte Januar begannen die Lehrerinnen und ich mit den Vorbereitungen des Unterrichts für die kommenden Monate. Ein 14-tägiges Seminar vor dem Schulanfang mit den Lehrerinnen war für mich eine interessante Erfahrung. In der Stadt kauften wir zwei
weitere Nähmaschinen, so dass wir mit drei Maschinen arbeiten konnten. Nähen, Farbenlehre, sticken, stricken, färben usw; manchmal arbeiteten wir von 8.00 Uhr morgens bis 18.00 Uhr abends. Die Lehrerinnen lernten schnell und viel, so dass wir für das neue Schuljahr gut gerüstet waren.

Während wir intensiv arbeiteten, kamen vorwiegend die Mütter und schrieben ihre Kinder für das neue Schuljahr ein. 203 Kinder sind es in diesem Schuljahr, wovon 30 immer noch nicht amtlich registriert sind, obschon die Lehrerinnen immer wieder dringend darauf hinweisen, wie wichtig eine Registrierung ist.

Viel hat sich im Dorf nicht verändert. Letztes Jahr verloren einige Familien ihre Lehmhäuser, hat es doch wieder viel geregnet. Die Armut ist überall zu sehen und zu spüren.

Endlich der erste Schultag!

Die Kinder kamen mit strahlenden Augen; viele wurden von ihren Müttern begleitet, was bei einigen kleinen Kindern beim Abschied Tränen auslöste.

Betania, die Koordinatorin, wies die Kinder der richtigen Klasse zu. Es wurde gesungen, und man stellte sich gegenseitig vor. Ein erster Schultag, ähnlich wie bei uns, nur fehlten bei vielen Kindern die neue Schultasche, das Etui usw.

Mein Stundenplan war gemacht und so bereitete ich meine Lektionen vor. Glücklicherweise hatte ich aus der Schweiz Unterrichtsmaterial mitgenommen, und im Projekt gibt es einen Kopierer. Dies hat mir vieles erleichtert.

Die ganze erste Woche war ausgefüllt. Schon bald merkte ich meine Stärken und Schwächen. Mit den kleinen, neu eingeschulten Kindern war ich überfordert. Ich sehnte mich nach einer ausgebildeten Kindergärtnerin, denn damit war ich an meiner Grenze angelangt. Ich verstehe nun doppelt, wie wichtig die Ausbildung einer Fachperson ist. Wie eine Horde wilder Einzelwesen kamen die Kinder zur Schule. Es brauchte viel Zeit, Geduld und Nerven, um die Kinder einigermassen zur Ruhe zu bringen. Nur ein Detail: Es musste gezeigt werden, wie das WC benutzt wird, denn zu Hause haben die meisten Kinder keine Klos. Auch mussten sie lernen, rohes Gemüse zu essen, denn Tomaten, Gurken, Rüben, Gemüse überhaupt, stehen zu Hause bei den Kindern nicht auf dem Speiseplan.

Mit den schon eingeschulten Schülerinnen und Schülern war es kein Problem, sie wollten einfach lernen, und die neuen Techniken lernten sie wie die Kinder bei uns .

Eine Ausstellung am Ende meiner Zeit zeigte mir, was alles möglich war in dieser doch kurzen Zeit. Es war fabelhaft !

Nebst dem Unterricht amtete ich in dieser Zeit auch noch als Projektleiterin, denn mit Hilfe eurer Spendengelder konnte nun endlich dringend Benötigtes angeschafft und erneuert werden:

• 2 Nähmaschinen, 2 Bügeleisen und ein Bügelbrett
• neue Lehrmittel für die Lehrerinnen
• Gestell für Medikamente und die Medis erneuert
• Einen Mixer
• Ein Radio für den Unterricht
• Diverse Plastikeimer für Küche und Vorbereitungsraum
• Küchenschrank
• Neue Messer und Löffel
• Diverses Schulmaterial für die Kinder
• Neue Teller
• Das ganze Haus wurde verputzt
• Die Bänke und Stühle wurden gestrichen
• Bau einer grossen Mauer um das Projekt
• Anbau auf dem Pausenhof für zweiten Wasserspeicher
• Im Garten mussten faule Bäume gefällt werden
• Bau von Regalen in der Lebensmittelkammer
• Neuer Kochherd
• Zweiter Kühlschrank
• Lavabo im Vorbereitungshaus
• Grosser Duromatic
• Neue Gusspfanne
• Diverses Werkmaterial für den Werkunterricht
• Kopierpapier
• Anstellung einer Psychologin, die jede Woche einen Tag die schwierigen Kinder von allen
Schulklassen behandelt.
So vieles konnten wir realisieren dank euren Spenden!!!

Weiter ist geplant :
• Spielplatz mit den brasilianischen Verhältnissen angepassten Geräten
• Erde auffüllen im Bereich Garten
• Gartenaufbau
• Erweitern des gedeckten Vorplatzes; nicht alle Kinder haben Platz bei Regen, unter dem bestehenden Dach.
• Computerkurs für die Lehrerinnen
• Anschaffung eines Computers für die Lehrerinnen

Zwei Schülerinnen begleitete ich auf dem Heimweg:
Valeri Lucia dos Santos. Der steinige, stinkende Weg – die Kanalisation ist auf der Strasse – führt uns nach zwanzig Minuten zu einem kleinen Lehmhaus. Fünf Mädchen und zwei Knaben wohnen und schlafen mit ihrer Mutter in zwei kleinen Räumen. Die alleinerziehende Mutter arbeitet in der Stadt in reichen Familien als Raumpflegerin. So verdient sie im Monat
250 Reals, = ca. 180 Schweizerfranken. Valeri ist die älteste und sorgt nach der Schule für ihre Geschwister. Eine WC–Schüssel ist vorhanden, jedoch fehlen die Leitungen und das Wasser zum spülen!!

Denise Maria Ramos hat acht Geschwister; zusätzlich wohnen noch zwei Enkelkinder in dieser Familie. Der Weg ist steil und rutschig. Meine Schweissperlen rollten nur noch so runter. Zuoberst auf einem Hügel steht das Haus. Die eine Seite sieht recht gut aus, aber auf der anderen Seite wurde die Hausfront mit Plastik und Karton konstruiert.

Ein Kochherd steht da , doch fehlt das Geld für die Gasflasche. Ein Topf mit Bohnen steht auf einer Feuerstelle. Auch fehlt eine Toilette, da werden im Land Löcher gegraben und nach Erledigung des „Geschäftes“ wieder zugedeckt. Die Mutter erklärte mir lachend: „Weisst du Marleni, mein Mann verdient ungefähr 20 Reals in der Woche, manchmal mehr, manchmal weniger“. Ich fragte sie: “Wie ernährst du deine Kinder“?, worauf sie ganz selbstverständlich antwortete: „Ja weisst du, wir sind es gewohnt, manchmal auch vier Tage nichts zu essen zu haben“.

Vieles wäre noch zu erwähnen. Diese Besuche machten mich unendlich traurig, und ich bin dankbar und glücklich, dass es in diesem Armenviertel „unsere“ Schule gibt, wo die Kinder neben einer Ausbildung auch noch täglich eine Mahlzeit erhalten.
Abschliessend danke ich ganz herzlich der Schulkommission Wangen, die mir diesen zum grössten Teil unbezahlten Urlaub ermöglicht hat.
Danke an das tolle Team in der Schule; es war eine Zeit der Freundschaft und eine wunderbare emotionale und fachliche Bereicherung. Manchmal fiel mir zwar fast die Decke auf den Kopf, doch meine innere Motivation half mir in diesen Momenten immer wieder auf die Beine.
Danke euch allen, die diese Schule unterstützen

Herzliche Grüsse

Marlene Grieder

Jahresbericht 2002

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