Jahresbericht 2003

Liebe Mitglieder Liebe Spenderinnen, liebe Spender

Endlich wieder gesund und mobil konnte ich diesen Herbst nach Brasilien reisen.
Seit sieben Jahren spenden die Schulkinder von Wangen jedes Jahr hunderte von Zahnbürsten und Dutzende von Plüschtieren für die Basisschule Escola Uniao Comunitaria in Recife, so auch dieses Jahr. Für mich war dieser Besuch das zehnjährige Jubiläum meines Engagements für das Projekt. Diesmal wollte ich nicht so viel Gepäck schleppen, aber ach – es waren dann doch 64 Kilos. Auch eure Spendengelder sind direkt in der Schule angekommen.
An manchen Orten steht die Welt einfach still. Im Armenviertel hat sich seit dem letzten Jahr nichts zum Guten verändert. Immer wieder stimmt es mich traurig, wenn ich auf dem Weg zur Schule die gleichen ärmlichen Häuser auf den Strassenseiten sehe. Umso grösser war meine Freude zu sehen, wie sich die Schule innen und aussen positiv verändert hat: Endlich hat unsere Köchin Nancy eine neue grosse Küche. Auch wurde der gedeckte Pausenplatz hinter dem Schulhaus realisiert. Sogar eine kleine Bühne wurde gebaut. Nun fehlen nur noch Tische und Stühle, damit in diesem neuen Raum gegessen werden kann.

Unsere Lehrerinnen arbeiten gut und autonom. Es ist uns aber allen bewusst, dass nur dank eurer Unterstützung vieles möglich ist und Wirklichkeit werden kann.

Trotz Präsident Lula und seinen Anstrengungen gegen den Hunger verändert sich noch wenig in Brasilien. Immer noch sind viele Menschen nach wie vor nicht amtlich registriert und existieren so eigentlich gar nicht!

Im Armenviertel, ca. 500 Meter neben der Schule, stritten sich im Herbst zwei Männer; ein normaler Streit, plötzlich zog der Eine eine Pistole und erschoss den Anderen.
Beide sind oder waren Väter von Kindern der Schule. Also beschlossen die Lehrerinnen, die Schule zu schliessen und am andern Tag an die Beerdigung zu gehen. Da es zu wenig Kühlhäuser gibt, werden die Leichen sofort beerdigt. Auch ich begleitete die betroffene Familie. Wir warteten beim Friedhof. Keine Blumen, keine Musik, keine Rede; nichts, aber auch gar nichts. Die Menschen weinten. Ein Hügel bleibt zurück, ohne Namen. Ein namenloser Mensch wurde begraben.

Ich fragte, was nun mit dem Mörder geschähe. “Ja Marlene, der ist frei. Wir kennen einen Mann im Armenviertel, der schon 4 Menschen umgebracht hat und noch keinen Tag im Gefängnis sass”, war die Antwort. Ein anderer Mann habe sich in einer reichen Familie Lebensmittel beschafft und sei zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.
Würde jemand einen Täter an die Polizei verraten, müsse er damit rechnen, selbst umgebracht zu werden, wurde mir gesagt. Eine riesige Angst gehe um in Brasilien, was auch die Menschen lähme, die um Gerechtigkeit kämpften.
Wie schön gibt es doch unsere Schule, wo sich die Lehrerinnen bemühen, den Kindern auch Gerechtigkeit zu lehren.

Was braucht die Schule dringend und wo müssen wir Prioritäten setzen:
Im nächsten Jahr muss das Nebengebäude, welches Vorbereitungs- und
Werkräume enthält, renoviert oder sogar abgebrochen werden.
Die Wände bröckeln und grosse Sprünge zeigen, dass das Haus nicht stabil ist. Weiter planen die Lehrerinnen zwei Schulräume und ein WC für Erwachsene. Lucinette, die Hilfsköchin, wird ab dem neuen Jahr den ganzen Tag arbeiten, was dringend nötig ist, um täglich 200 Kinder zu ernähren.

Für die meisten Kinder ist es immer noch die einzige Mahlzeit am Tag. Unsere Vision ist, einen Computer zu kaufen, der in Recife ca. 1000 Dollar kostet. Dazu müsste ein einbruchssicherer Raum gebaut werden. Der Internetanschluss würde monatlich 18 Dollar kosten.
Die Schule wird autonom, professionell und mit viel Engagement von den brasilianischen
Lehrerinnen geleitet, und doch wissen alle zu gut:
ohne eure Spenden wäre dieses Projekt am Rande von Recife überhaupt nicht möglich. Im Namen der Kinder und der Lehrerinnen überbringe ich herzliche Grüsse und ein riesiges Dankeschön.

Herzliche Grüsse
Marlene Grieder

Jahresbericht 2003

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