Jahresbericht 2005

Brasilien

Brasilien hat ein Gesicht mit vielen Facetten; ein grossartiges Land mit tausenden von

Stränden, der Urwald im Norden, Monokulturen mit Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle. Auch

an Gold, Silber und Uran fehlt es nicht. Vieles ist vorhanden. Für alle würde es reichen, wenn der Reichtum, gerecht aufgeteilt würde. Aber die Armut ist gross, 80% der Menschen leben in Armut. 5% der Menschen haben alles.

Was in der Stadt sichtbar ist, ist die ständige Präsenz der Polizei. Für die Touristen werden Strassen und Gebäude renoviert. Ausserhalb der Zentren sieht es aus wie vor zehn Jahren. Es gibt nach wie vor kaum Verbesserungen.

Die Kriminalität in Brasilien ist gross.

Dieses Jahr wurden die Eltern der Lehrerin Betania überfallen. Ihre Schwester Elisabeth erwachte in der Nacht mit einer Pistole an der Schläfe. Sie hatte entsetzliche Angst. Alles was nicht niet- und nagelfest war, nahmen die 6 Diebe mit. Elisabeth lebt heute nicht mehr bei den Eltern, denn die Angst vor einem erneuten Überfall ist zu gross.

Für uns unverständlich, jedoch normal in Brasilien, ist die Tatsache, dass niemand die Diebe anzeigt, obschon einer davon erkannt wurde. Die Menschen haben Angst vor Repressionen. Elisabeth selbst arbeitet als Juristin, und doch unternimmt sie nichts. Die Angst vor Rache an ihrer Familie ist zu gross. Der Teufelskreis von Angst und Korruption lähmt hier die Menschen.

Gedanken von Marlene

In all den letzten 13 Jahren durfte ich auf euch zählen.

Anfänglich, als die Schule kein Geld mehr hatte, schrieb ich alle Lehrerinnen und Lehrer im Kanton an und konnte innert 3 Monaten 24’000 Franken sammeln. Dank euch allen, liebe Kolleginnen und Kollegen, konnte die Schule überleben. Lieben Dank.

Ich selber bin Gast in Brasilien. Voller Respekt bin ich hier in diesem Land. Wissen heisst nicht, zu verändern nach meinem Wissen, sondern Wissen heisst für mich auch hier zu lernen und das Erlernte weiterzugeben bei uns in der Schweiz. Die Arbeit, die ich in für die Basisschule leiste ist klein. Mich aufzuführen wie ein Elefant im Porzellanladen wäre falsch. Jahrelang war es ein Aufbauen gegenseitigen Vertrauens, was jetzt auch Früchte trägt. So schnell irgendwo zu helfen geht einfach nicht, denn die Kulturen zu bewahren heisst zu respektieren was die Menschen hier haben und wie sie leben. Das heisst auch, dass ich akzeptieren muss, dass sich fast nichts verändert in diesem Land.

Mein Wunsch wäre, dass wirklich auf dieser Welt kein Mensch mehr in Armut leben müsste. So freue ich mich mit euch, dass es eine winzig kleine Perle gibt, ein kleiner Mosaikstein im Armenviertel Macacas in Recife.

Ich fliege seit 13 Jahren jedes Jahr nach Brasilien. Meine Reisetaschen sind immer voll mit

Material für die Schule. Im Rucksack ist nur wenig Platz für meine eigenen Utensilien.

Immer wieder hoffe ich, dass sich etwas verändert, dass die Menschen mehr Geld zur

Verfügung haben, jedoch auch dieses Jahr begegnet mir die grosse Armut.

Auch im Haus der Lehrerin Betania hat sich nichts verbessert. Wieder schlafe ich unter dem Wellblechdach. Die Wände sind grau von der Feuchtigkeit. Dieses Jahr hat das WC eine Brille, jedoch fehlt bei der Dusche die Brause. Es ist eng; um auf das Klo zu gehen, muss ich durch das Schlafzimmer der Familie. Livia die Tochter schläft unten ihn der „ Stube“. Am Abend hat es in der Küche kein Wasser. Dazu ist zu bemerken, dass Betania regelmässig ihren Monatslohn bekommt und doch reicht es nicht für alles. Alle Lehrerinnen der Schule leben sehr, sehr einfach.

Schulweg und Schule

Zu Fuss gehen Betania und ich zur Schule. Es ist heiss, der Schweiss läuft aus allen Poren. Rechts und links der Strasse stehen immer noch die ärmlichen Häuser, fast nichts hat sich verändert in den letzten 13 Jahren! Doch, dort das Haus links mit der Familie mit mehr als 10

Kindern: Die Vorderfront des Hauses ist jetzt mit Backsteinen gebaut.

Die „ Strasse“ dient auch als Kanalisation. Es riecht nach Abwaschmittel, Urin und anderem. Die Frauen waschen und kochen vor dem Haus. Gleichzeitig dient dieser Platz auch als Bad und Dusche. Irgendwo hinter dem Haus ist das WC, das heisst ein Loch wird gegraben, und wenn es voll ist, graben die Menschen ein Neues.

WC-Papier gibt es keines, der Po wird mit Wasser (wenn vorhanden) gewaschen.

Von weitem sehe ich die Schule. Endlich angekommen!

Die Kinder begrüssen mich herzlich. Betania nimmt mich gleich mit in den Unterricht, wo ich den Kindern das Handweben lerne. Das Garn habe ich aus der Schweiz mitgebracht. Froh

sind die Lehrerinnen über die 530 Zahnbürsten der Kinder von Wangen bei Olten.

Es ist Pause, die Kinder essen, und ich denke zurück an die Anfänge meines Engagements für die escola uniao comunitaria: Damals fehlte es an allem. Im Gegensatz zum Armenviertel hat sich die Schule grossartig verändert. Dank euren Spenden gibt es ein neues Haus, eine neue Küche, einen gedeckten Vorplatz, einen Spielplatz, einen Werkraum, Dusche und WC für die Lehrerinnen, einen Kopierer, eine Bibliothek, Lehrmittel für die Kinder und Lehrerinnen und vieles Anderes.

Die Kinder

Die Mehrheit der Kinder in der Basisschule leben unter dem Existenzminimum. Zum Teil hungern sie und überleben mit betteln oder sie durchsuchen den Abfall. Es gibt Kinder, die nur des Essens wegen die Schule besuchen. Viele werden vergewaltigt, Mädchen und Knaben, schon in jungen Jahren.

Die Kinder sind meist auf sich selber angewiesen. Die meisten haben zu Hause absolut keinen Halt. Mir kommt es vor wie eine „wilde“ Bande. Es sind zum Teil schwererziehbare Kinder. Nicht selten trinken die Eltern.

Wie vor zehn Jahren sind es Grossfamilien mit 4-10 oder mehr Kindern.

Obschon in der Schule Sexualunterricht gelernt wird sind bereits wieder Mädchen der Schule Mütter geworden. Mit Stolz zeigen sie mir Ihre Babys. Ich werde traurig und kann nur hilflos sagen: „Hübsch ist dein Kind.“

Millionen Kinder haben in diesem Land keine Zukunft. Viele sind nicht registriert, das heisst sie existieren offiziell gar nicht.

Armut und Elend ist der Alltag dieser Kinder. Es ist eine Tragödie.

10 Jahre Verein Liberdade

Vor zehn Jahren wurde mir die alleinige Verantwortung über die Spendengelder zu gross. Es war damals wie ein Schneeballeffekt positiver Art.

So entschlossen sich einige meiner Freunde und Freundinnen und ich, einen Verein zu gründen. Die ganze Verantwortung lastet seither nicht mehr nur auf mir. Alle Vorstandsmitglieder tragen mit. Auch Jörg Grütter, Treuhänder, hat sich von Anfang an engagiert und kontrolliert unentgeltlich unsere Vereinsrechnung. Die Steuerbehörde hat den Verein als „gemeinnützig“ anerkannt, d.h. die Spenden können in der Steuererklärung abgezogen werden.

Zum 10-jährigen Jubiläum feierten wir mit einem Beizli am Dorffest in Wangen.

Viele freiwillige Helferinnen und Helfer trugen dazu bei, dass der Betrieb funktionierte. Caipirinha und Tapioca waren unsere Spezialitäten.

An dieser Stelle danke ich ganz herzlich allen, die an diesem Fest mitgeholfen haben.

Zukunft

Ich wünsche mir, dass unsere Schule weiterhin bestehen kann. Das auch in Zukunft Kinder eine Chance bekommen zu studieren. 5 sind es an der Zahl, die es in den letzten 10 Jahren geschafft haben. Dass weiterhin bis zu 200 Kinder lesen, rechnen und andere Sachen lernen dürfen, damit sie im Leben zurechtkommen und nicht übers Ohr gehauen werden. Und nicht wenige weiterhin in der Schule zu essen bekommen damit sie überleben.

Dank den Lehrerinnen und Köchinnen, die schon lange in der Schule arbeiten und die Schwerarbeit leisten, ist die Schule autonom geworden. Ich wünsche mir, dass es so bleibt. Vielleicht gibt es auch irgendwann eine politische „Revolution“ so dass wir finanziell nicht mehr gebraucht werden und der Staat diese Schule seriös weiterführt. Das heisst geregelte Löhne, Essen für die Kinder, Lehrmittel für Lehrerinnen und Kinder und eine Infrastruktur, die funktioniert.

Schön, wenn es so werden könnte. Aber vorerst gilt es, weiterhin für die Schule zu arbeiten. Wenn das Geld fehlt gibt es auch keine Schule mehr im Armenviertel.

Abschluss

An dieser Stelle danke ich euch allen im Namen der Kinder und Lehrerinnen. Den vielen Schulen, die mit Aktivitäten dazu beigetragen haben, das Projekt zu unterstützen, den Gemeinden, Vereinen, Organisationen und den hunderten Einzelspendern in den letzten 13

Jahren. Es ist auch eine Tradition geworden, dass die Wangenerkinder jedes Jahr eine Zahnbürste den Kindern in Brasilien schenken. Dank euch allen, die Ihr mitträgt an diesem Projekt.

Jahresbericht 2005

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